RAINER WERNER FASSBINDER: KINO DER SUBVERSION

Rainer Werner Fassbinder versuchte mit seinem Kino unentwegt ästhetische und gesellschaftliche Grenzen zu erweitern. Der Band geht von diesem subversiven Begehren nach Grenzüberschreitungen im Werk Fassbinders aus. Dies umfasst die Subversion von konventionellen Darstellungsweisen, mediale Brechungen im Film, subkulturelle Ausbruchsbewegungen gegen die bürgerlich-kapitalistische Ordnung, eine unentwegte Arbeit an deutscher Geschichte und die historische Formation von Subjekten, einer körperlich-materialistischen Ästhetik sowie eine religiöse Signatur, die sich durch sein Werk zieht.


LITERARISCHE DIAGNOSTIK

Die Romane des sozialen Realismus reagieren auf die verheerenden Folgen der Weltwirtschaftskrise ab 1929, indem sie soziale, politische und ökonomische Strukturen ins Zentrum ihrer Darstellung rücken. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Analyse der Wechselwirkungen von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und individuellen Möglichkeitsräumen. Um diese analytische Dimension greifbar zu machen, führt das Buch in das Konzept des Strukturromans ein. Dabei rücken sowohl die politischen Weichenstellungen der frühen Weimarer Republik (1918-1923) als auch die zunehmende ökonomische Durchdringung der Gesellschaft in den Fokus, die den Zeitgenossen einen Zugang zur letalen Krise der Gegenwart ebnen soll.


STRUKTUR UND VERHALTEN

Wenn Lebensformen gleich welcher Art zur Darstellung kommen sollen, bedarf es nicht einfach des Beschreibens von Zuständen, sondern spezifischer Verfahren, die das Erzählen von Strukturen ermöglichen. Es stehen dann nicht mehr singuläre Handlungen im Vordergrund, sondern Formen sich wiederholenden Verhaltens. Aus narratologischer Perspektive kann die von Gérard Genette eingeführte und ausdifferenzierte Kategorie des iterativen Erzählens für die Beschreibung eines solchen Erzählens innerhalb wie außerhalb der Literatur nutzbar gemacht werden. Die zwölf Beiträgerinnen und Beiträge dieses Bandes sind daher einerseits literarischen Texten von Marcel Proust, Gertrude Stein, Aleksandr Solženicyn, Thomas Bernhard und Rainald Goetz gewidmet, andererseits ebenso dem Darstellungsmodus in Texten zur Völkerpsychologie, zum sogenannten Gewohnheitsverbrecher und der Erfolgsratgeberliteratur, aber auch dem Begriff der strukturellen Gewalt und dem Phänomen der Strichliste – oder einfach dem, was geschieht, wenn ‚nicht eigentlich erzählt‘, sondern etwa ‚geschildert‘ wird.



ARS MILITANS

Eine Literaturgeschichte „jenseits der Ästhetik“ begreift Texte und Autoren nicht länger als Vertreter (national-) literarischer Schulen, unterschiedlicher Epochen und entsprechender Kunstprodukte in ihrem Bezug zum Publikum und zum jeweiligen Erwartungshorizont, sondern als Analytiker und Entdecker ungesehener Wirklichkeiten, als engagierte Verfechter neuer und anderer Sensibilitäten und Subjektivitäten, als prophetische Stimmen historischpolitisch unbequemer Wahrheiten.

Eine Literaturwissenschaft „jenseits der Ästhetik“ definiert sich als Kartographie von textuellen Konflikten und der in sie involvierten Parteien, als Beschreibung der unterschiedlichen dogmatisch fundierten Bezüge, die Subjekte zu Texten unterhalten, als Analyse der hermeneutischen Prozeduren, mit denen Texte klassifiziert, hierarchisiert, kanonisiert, gedeutet und Text-Welt-Verhältnisse begründet werden.

Ars militans.