
Zum Verhältnis von Provinz und literarischer Moderne
Das Thema ist nicht so abwegig, wie es sich im ersten Moment vielleicht anhört. „Es war spätabends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee.“ So beginnt Kafkas Roman „Das Schloß“ aus dem Jahr 1922. „Eines Tages, vielleicht sehr bald schon, werde ich den Versuch machen, das Dorf zu beschreiben“, so beginnt der wunderbare Text „Beschreibung eines Dorfes“ aus dem Jahr 1965 von Marie Luise Kaschnitz. Und das vermutlich bekannteste Drama der literarischen Moderne beginnt mit der Szenenanweisung: „Straße auf dem Land. Ein Baum. Abend. Estragon sitzt auf der Erde.“ Das sind die ersten Zeilen von Samuel Becketts Schauspiel „Warten auf Godot“ aus dem Jahr 1952. Es ist ganz offensichtlich ein Irrtum zu glauben, literarische Moderne und Provinz würden sich ausschließen – oder umgekehrt: Moderne wäre nur mit Airport, iPhone 17 und Ear buds mit Noise cancelling zu haben.
Markus Ostermair und sein Roman „Der Sandler“ stehen in einem vielfältigen Verhältnis zu Autoren, wie Thomas Bernhard, Herbert Achternbusch, Mo Yan, Franz Innerhofer, Josef Winkler, Wulf Kirsten oder Wolfgang Hilbig, mit denen wir un an diesem Wochenende beschäftigen: Was sie eint ist vor allem ein Anschreiben gegen unsere alltägliche Blindheit und Ignoranz. Sie öffnen uns die Augen dafür, wie die Gesellschaft in der wir leben, und deren Teil wir sind, jeden Tag aufs Neue Ausschließungen und Ausgrenzungen, Unterwerfungs- und Ausbeutungsverhältnisse, Frustration, Hilflosigkeit, Wut, Scham und Gewalt erzeugen. Dies geschieht nicht aus freiem Willen Einzelner, sondern weil Menschen aufgrund von institutionellen und strukturellen Gegebenheiten zu bestimmten Verhaltensweisen gezwungen werden. Sei es an bestimmten Orten wie Banken, Bänke, Brücken, Container, Unterführungen, und Parks wie im „Sandler“ oder Äcker, Baracken, Felder, Kirchen, Kammern, Stuben, Schlösser und Schulen.
Mit all diesen Orten gehen bestimmte gesellschaftlich erwartete Verhaltensweisen, aber auch Beschränkungen, Ver- und Gebote einher. Ob wir uns in einer Metropole oder in einer kaum bewohnten Ortschaft befinden, spielt erst einmal gar keine Rolle. Provinzialismus lässt sich in den Städten nicht weniger finden als in den Dörfern. Es geht also nicht so sehr darum, ob man auf dem Land wohnt oder nicht. Sondern, ob man das Provinzielle als Blick auf die Welt mit sich herumträgt. Provinzialismus meint dabei andere permanent maßregeln und reglementieren zu wollen, Schranken aufzubauen, die das Verhalten von anderen bestimmen. Das eigene Verhalten zum absoluten Maßstab zu erheben, nach dem sich alle anderen zu richten haben.
Von hier aus lässt sich vielleicht unser Interessen am Ländlichen als Ort besser verstehen. Ich möchte dies in zwei Punkten umreißen:
1) Anschreiben gegen das Urteil des Provinzialismus
Die Literatur, die uns interessiert, – und dazu gehört auch Markus Ostermairs Roman der Sandler – versucht gegen den herablassenden Blick auf die Provinzler, gegen die, die unten und etwas zurückgeblieben sind, anzuschreiben. Sie sucht gerade bei denen, die ausgegrenzt sind, nach dem Leben, das mehr ist als die Einhaltung und Befolgung von Gesetzen, von Rollen und Funktionen. Sie legt Wünsche, Gedanken, Pläne, Träume frei, die durch gesellschaftliche Zwänge ständig unterdrückt werden – was Enttäuschungen, Bitterkeit hervorruft.
2) Schreiben in der Provinz
Wenn wir uns mit dem Verhältnis von Provinz und literarischer Moderne auseinandersetzen folgen wir der Beobachtung, dass für viele Autoren und Autorinnen das Ländliche bevorzugter Ort ihres Schreibens ist. Woher kommt dieses besondere Interesse an der Provinz?
Zunächst einmal lässt sich das Leben direkt beobachten: Seien es die verschiedenen Arbeiten, die draußen geschehen wie Pflügen, Ernten, Mähen, Holzhacken, Vieh treiben, Schlachten und so weiter. An ihnen lässt sich Wahrnehmung schulen. Über die reinen Tätigkeiten hinaus lassen sich soziale Zusammenhänge erkennen, auch wenn sie oft unausgesprochen bleiben. – Man kann hier vielleicht einwenden, dass sich diese Arbeiten mehr und mehr in Innenbereiche verschoben haben, maschinisiert oder automatisiert worden sind. Dem ist gewiss zuzustimmen, und doch gibt es nach wie vor eine größere Sichtbarkeit von sozialen Beziehungen und Arbeiten auf dem Land. –
Es gelten oft eigene, für den von außen kommenden zunächst einmal schwer nachvollziehbare Gewohnheiten und Regeln. Es gibt Eingeweihte und Nicht-Eingeweihte, Einheimische und Zugezogene. So ist das Dorf auch als Spiegel gesamtgesellschaftlicher Konflikte für diese Autoren interessant.
Wir können deshalb festhalten: Das Ländliche ist nicht nur ein Ort vielfacher Projektionen, sondern auch vielfältiger Konflikte. Insofern erscheint das Interesse etwa von Peter Handke, Elfriede Jelinek oder Franz Kafka nur zu konsequent. Sie sind Vertreter einer ars militans – einer kämpferischen und auf gesellschaftliche Wirkung zielende Kunst.